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Gedanken von Mirj Müller, Minimalistin: «Ich will ein Teil der Veränderung sein, die ich in der Welt sehen möchte»

Anne Nuria Boekhout, 24.02.2015

Die Minimalistin und Lebenskünstlerin Mirj Müller lebt schon seit über sechs Jahrem auf 6 m2 in einem kleinen Bus und vermisst dabei nichts. Mit der Devise «So viel wie nötig, so wenig wie möglich» lebt es sich leicht und gut. Mirj Müller ist überzeugt: Wenn die materielle Basis von Essen, Dach über dem Kopf, Kleidern und ein paar weiteren Gütern und Dienstleistungen gegeben ist, braucht es nicht noch mehr vom Gleichen. Vielmehr bringen dann immaterielle Werte zusätzliches Glück. «Ein suffizienterer Lebensstil ist für mich mit einer grundlegenden Reflexion verbunden».

Regelmässig stellt sich Mirj Müller selbst die folgenden Fragen und versucht, danach zu leben.

1. Was brauche ich zum Leben und was macht mich glücklich? Wie viel Material und welches genau brauche ich wirklich, was bringt mir einen echten Mehrwert? 

  • Verschenke alles Unnötige an Menschen, die es gebrauchen können, oder bringe es in den Gratisladen oder ins Brocki

  • Überlege dir vor dem Kauf eines Produktes gut, ob du es wirklich benötigst und ob das Produkt sozial und ökologisch vertretbar hergestellt wurde. Oft ist es auch unnötig, alleine etwas zu besitzen, das gerade so gut mit Nachbarn etc. geteilt werden kann! Zudem gibt es viele Dinge gebraucht (im Internet, Brocki, Börse), die noch sehr gut funktionieren!

  • Wenn deine Gegenstände in Brüche gehen, versuche, sie selber, in Repair-Cafés oder in Fachgeschäften zu reparieren, recycle sie zumindest oder upcycle sie noch besser...

2. Was, ausser dem Materiellen, macht mich glücklich? 

Gute soziale Kontakte mit Vertrauen, gegenseitiger Wertschätzung und Verlässlichkeit oder die «kleinen Dinge» im Alltag, die uns Glücksmomente bescheren, wie eine Umarmung, ein Lächeln, ein gutes Essen, die wärmende Sonne auf der Haut, ein Gefühl von Freiheit, wenn wir lieben und geliebt werden, Musik, Zeit, über die wir frei entscheiden können oder das Gefühl, dass sich das eigene Engagement lohnt und man mit anderen so die Welt mitgestalten kann. Aber auch, wenn eine schwierige Situation gemeistert, ein Konflikt gelöst oder man etwas Neues gelernt hat. 

  • Nimm dir Zeit für diese immateriellen Bedürfnisse. Je mehr du im Hier und Jetzt lebst und es bewusst gestaltest, desto mehr bereichern Dich diese Erfahrungen und desto weniger musst du mit materiellem Konsum «kompensieren». Guter Nebeneffekt: Wenn du weniger Materielles brauchst, benötigst du weniger Geld und kannst somit weniger arbeiten: du gewinnst Zeit für Musse, Reflexion, Engagement, deine Mitmenschen, deine innere Entwicklung, Zeit in der Natur etc.

3. Und zuletzt noch eine Horizonterweiterung: Auf was kann ich verzichten, wenn es dafür der Erde und anderen Menschen besser geht? Wie erhalten wir uns einen gesunden Planeten als Lebensgrundlage? Wie erreichen wir ein Mindestmass an Teilhabe-Gerechtigkeit?

Effizienzsteigerungen und das Nutzen von erneuerbaren Energien alleine werden den Planeten nicht retten, etwas Entwicklungshilfe wird die Schere nicht schliessen. Ein suffizienterer Lebensstil von uns Individuen und uns als «westlicher» Gesellschaft ist notwendig.

  • Finde dein weltverträgliches Mittelmass zwischen Masslosigkeit und Askese, indem du von der Erde nicht mehr nimmst, als in der Natur in der gleichen Zeit nachwachsen kann. Hab keine Angst, das Erreichte zu verlieren und zu teilen, es geht nicht um einen (negativen) Verzicht, sondern darum, ein Gefühl für das Wesentliche zu entwickeln. Lerne, langfristige Interessen wie das Klima so ernst zu nehmen wie die Kurzfristigen und gemeinsame Interessen wie Gemeingüter und Verteilgerechtigkeit mehr zu gewichten als Einzelinteressen. Weniger bedeutet zukunftsfähiger und damit kannst du heute beginnen.

  • Am Anfang braucht es Mut, gewohntes Verhalten zu verlassen und etwas Neues auszuprobieren. Ich habe es gewagt und es fühlt sich befreit und super gut an und macht Spass! Meine Devise: «Ich versuche, ein Teil der Veränderung zu sein, die ich in der Welt sehen möchte».

Foto: Vera Hartmann 

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