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Klimafreundliche Ferien: Das machen Schweizer Tourismusgemeinden

Kategorien: Klimawissen
Anne Nuria Boekhout, 16.04.2015

 

Unsere Berggebiete sind vom Klimawandel besonders betroffen. Einerseits stellt die Klimaerwärmung den traditionellen Winter- und Ski-Tourismus infrage - das Haupteinkommen vieler Gemeinden. Andererseits emittiert der Winter-Tourismus selbst alleine viele Tonnen CO2 pro Jahr. Peter Niederer, Ressortleiter Regionalentwicklung bei der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für die Berggebiete (SAB) unterstützt im Innotour-Projekt «Klimaschutz hier und jetzt» Schweizer Feriengemeinden dabei, sich dem Klimawandel anzupassen und eigene CO2-Reduktions-Strategien zu entwickeln.

Herr Niederer, Sie koordinieren das Gemeindenetzwerk «Allianz in den Alpen», das derzeit das Pilotprojekt «Klimaschutz: Hier und jetzt» des Tourismus-Förderungsprogramms des SECO umsetzt. Wie funktioniert das Projekt genau?

Das Projekt beinhaltet Aktivitäten in drei Bereichen, welche aufeinander aufbauen. Dazu gehören die Erarbeitung von Strategien, die Bilanzierung von CO2-Emissionen sowie die Entwicklung von klimafreundlichen Angeboten. Die Aktivitäten wurden zwischen 2012 und 2014 in den Destinationen Braunwald, Saas Fee, Sattel-Hochstuckli sowie in der Ferienregion Engadin Scuol Samnaun Val Müstair (TESSVM) durchgeführt. Projektpartner sind die HSR Hochschule für Technik Rapperswil, die Hochschule für Technik und Wirtschaft HTW Chur, sowie myclimate und climatop.

An welche Zielgruppen richten sich die Angebote hauptsächlich?

Die Angebote richten sich an Personen, die gegenüber Umweltthemen affin sind. Damit können alle Altersklassen angesprochen werden. Gerade auch Kinder und ihre Eltern sind häufig offen für das Thema Umwelt- und Klimaschutz, vorausgesetzt dieses wird attraktiv und ohne «Mahnfinger» angeboten. Die Destination Sattel möchte in Zukunft die Zielgruppe «Schulklassen» besser erschliessen und beabsichtigt eine engere Zusammenarbeit mit Lehrpersonen.

Kinder als myclimate-Klimapioniere am Klimaschutztag in Braunwald (Foto: Roger Walser)

 

 

 

 

Was ist wichtig für einen Projekterfolg?​ 

Viele DestinationsmanagerInnen sind unter enormem Umsetzungsdruck, was zählt sind Massnahmen, die sich möglichst schnell in Logiernächten niederschlagen. Da ist es nicht einfach, etwas Neues zu wagen. Zudem hat das Thema klimafreundlicher Tourismus häufig wenig Priorität. Für einen Projekterfolg braucht es Leaderfiguren, die vom Thema überzeugt sind und andere überzeugen können. Ein Paradebeispiel hierzu ist die Destination Engadin Scuol Samnaun Val Müstair AG (TESSVM) mit dem Direktor Urs Wohler. Ihm gelang es, das Thema Klimaneutralität aufzunehmen und die Destination authentisch zu positionieren.

Was sind die grössten Stolpersteine bei der Umsetzung? 

Häufig fehlt eine langfristige Strategie. Wir haben festgestellt, dass jene Destinationen, die sich die Zeit genommen haben, eine Strategie auszuarbeiten, die zu ihnen passt und diese auch über einen längeren Zeitraum verfolgen, sich erfolgreich etablieren konnten und auch in unserem Projekt Massnahmen umsetzen konnten.

Bei einem kleinen Budget sollten keine langen Analysen gemacht, sondern einfach mal ausprobiert werden. Im Gespräch mit Tourismusverantwortlichen und Leistungsträgern wird schnell klar, welche Idee überhaupt Potential hat. Ein einfaches Konzept mit Ideenbeschrieb, Verantwortlichkeiten, potentiellen Partnern und Budget muss möglichst früh erarbeitet werden. Während der Entwicklungsphase gibt es einige Rückschläge einzustecken, aber wenn die Idee für den Ort stimmig ist, wird es gelingen, Begeisterung zu wecken. Wichtig ist es auch, bei Bedarf den vorgesehenen Weg zu ändern, die grundsätzliche Idee sollte aber bis zum Schluss beibehalten werden. Diese Vorgehensweise hat zum Beispiel bei der Entwicklung und Durchführung eines Klimaschutztages in Braunwald bestens geklappt.

Louis Palmer hat mit seinem Elektromobil die Welt umrundet, am Klimaschutztag in Braunwald konnte es getestet werden. (Foto: Peter Niederer)

 

 

 

Was ist Ihre Vision: Wie soll der Tourismus in den Alpen im Jahr 2030 aussehen?

Der Tourismus lebt von der Landschaft und von den kulturellen Eigenheiten. In Zukunft muss es also noch besser gelingen, dass zur Landschaft Sorge getragen wird und gleichzeitig eine Entwicklung der Tourismusorte möglich ist. Denn wenn die einheimische Bevölkerung im Berggebiet kein Auskommen mehr findet und immer stärker abwandert, verlieren auch die Tourismusgebiete ihren Reiz. Die heutigen Formen der touristischen Nutzung bauen aber vielfach auf einen hohen Ressourcenverbrauch auf. Hier könnte ein klimafreundlicher Tourismus neue Perspektiven auftun.

Derzeit ist der Themenbereich «klimafreundlicher Tourismus» im Tourismus noch nicht matchentscheidend - es ist ein Nischenmarkt. Es darf aber davon ausgegangen werden, dass Klimaschutzmassnahmen im Tourismus immer mehr zum Standard werden. Die Schiene klimafreundlicher Tourismus kann vor allem Destinationen wettbewerbsfähiger machen, die bereits auf einen naturnahen, nachhaltigen Tourismus setzen. Profitieren können diejenigen Ferienorte, die über eine längere Zeit konkrete Massnahmen, welche in eine klimafreundliche Destinationsstrategie eingebettet sind, konsequent umsetzen. Wir stehen hierbei erst am Anfang einer Entwicklung und ich würde mir wünschen, dass noch viele weitere Destinationen bis 2030 den Weg des klimafreundlichen Tourismus einschlagen.

Der Anteil der Menschen, die gegenüber Themen wie Klimawandel, Naturwahrnehmung, Lebensqualität und CO2-Emmissionen wird gemäss Trendforschern immer bedeutender. Dieses Segment ist auch weniger preisaffin, somit tun Schweizer Destinationen, mit ihrer hohen Qualität aber auch gehobenen Preisen, gut daran, sich hier zu positionieren. Es gibt Vorbilder im klimafreundlichen Tourismus, wie zum Beispiel die Schweizer Jugendherbergen. So ist bereits heute die Mehrheit der Gäste der Schweizer Jugendherbergen bereit, 60 Rappen pro Logiernacht für CO2 Kompensationsmassnahmen zu bezahlen. Die Hälfte davon kompensiert sämtliche CO2-Emissionen. Mit den restlichen 30 Rappen setzen die Schweizer Jugendherbergen eigene Energie-Sparmassnahmen um. So wurden Neubauten konsequent im Minergie P Standard realisiert und der Gast kann eindrücklich sehen, wohin sein Kompensationsgeld fliesst. Langsam beginnen sich die Klimaschutzmassnahmen selbst zu finanzieren, kreieren Wertschöpfung, Lebensqualität und schonen Ressourcen. Dass nenne ich gelungene Nachhaltigkeit.

Energieffizienter Neubau der Jugendherberge in Scuol (Photo: TESSVM)

 

 

 

 

Während der Projeklaufzeit konnten folgende klimafreundliche Angebot umgesetzt werden: 

Klimaschutztag Braunwald: Braunwald hat ein schweizweites Event zu Klimaschutz-Elektromobilität-Touristik und Gemeindepolitik durchgeführt. Im Zentrum stand die Sensibilisierung, Information und Animation in Zusammenhang mit Klimaschutz in Feriendestinationen. Auf zwei Parcours durchs Dorf hatten die Gäste die Gelegenheit, Elektrofahrzeuge kennenzulernen und an verschiedenen Stationen spielerisch mehr zum Thema Klimaschutz und Tourismus zu erfahren. Es gab auch die Möglichkeit, energiesanierte Chalets zu besichtigen und sich mit Architekten und Gewerbevertretern auszutauschen. Über 500 Personen sind nach Braunwald zum Anlass gekommen, angesichts des sehr schlechten Wetters sind das gute Zahlen, allerdings wurden wurden von den Übernachtungspackages (Übernachtung plus Angebote zu einem Pauschalpreis) nur wenige verkauft. Es gelang also noch nicht, die Leute überregional anzusprechen. Es besteht die Idee, den Klimaschutztag alle zwei Jahre, eventuell in Abwechslung mit der Destination Rigi, durchzuführen.

Vermietungsplattform in Sattel zur besseren Auslastung von Zweitwohnungen: Die CO2 Bilanzierung von Braunwald zeigt es deutlich, wenig ausgelastete Zweitwohnungen haben eine sehr schlechte CO2 Bilanz, besonders wenn der Bestand kaum energiesaniert ist. Häufig wäre eine bessere Auslastung von Zweitwohnungen und deren Sanierung der effizienteste Hebel für den Klimaschutz in einer Destination. Diese zwei Aspekte sind auf interessante Weise verlinkt. Eine Umfrage bei Zweitwohnungsbesitzern in Sattel im Rahmen des Projektes hat nämlich ergeben, dass Zweitwohnungsbesitzer, die beabsichtigen zu vermieten oder dies bereits tun, eine höhere Renovationsbereitschaft ausweisen als diejenigen Wohnungsbesitzer ohne Vermietungsabsichten. Vor diesem Hintergrund ist die Vermietungsplattform «Näschtwärmi» entstanden, welche Dienstleistungen im Bereich Vermarktung, Administration, Reinigung, Gästebetreuung anbietet. Die Vermietungsplattform erfreut sich einer ständig wachsenden Beliebtheit. Hinsichtlich der Energiesanierung von Gebäuden verstärkt die Gemeinde Sattel ihr Angebot im Bereich Beratung und Information (Organisation eines Anlasses, Erstellung eines Infoblattes).

myclimate-Klimahörpfade: Klimahörpfade sind ein beliebtes Beispiel von Angeboten im klimafreundlichen Tourismus. In der Partnerdestination Scuol wurde bereits ein Klimahörpfad eröffnet. Für die Partnerdestination Sattel wurde zusammen mit myclimate ein Konzept erarbeitet. Die Finanzierung der Kosten in der Grössenordnung von 80-100‘000 CHF konnte allerdings während der Projektlaufzeit noch nicht gesichert werden. 

Nachhaltige Grossevents: Die Projektpartnerschaft hat die Destination Scuol im Bereich nachhaltiger Grossevents bezüglich Leitfäden, Labels und Zertifikaten beraten. Der klimaneutrale Nationalpark Bike Marathon diente als Beispiel für weitere Events in der Destination.

Weitere Informationen befinden sich in der Projektbroschüre zum Download. 

 

 

 

 

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