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Noch nie war die Tür so offen für eine gemeinschaftliche Einigung!

Kategorien: Portraits
Meike H. Seele, 13.07.2015

Prof. Dr. Andreas Fischlin ist Systemökologe an der ETH Zürich und einer der renommiertesten und engagiertesten Klimaforscher der Schweiz. Anlässlich des Switching Day am 21. Juni 2015 im Verkehrshaus in Luzern durften wir ein Interview mit ihm führen. 

Herr Fischlin, Sie sind anlässlich des Switching Day heute hier im Verkehrshaus in Luzern als Moderator und Experte zum Thema Klimaschutz dabei gewesen. Mit welchen Handlungen unterstützen Sie das Klima in Ihrem Alltag?

Mit allem, was ich kann. Ich besitze seit 1985 kein Auto mehr, bin Mitglied bei Mobility und nutze für alle meine Wege bevorzugt Tram oder Zug. Wenn ich doch einmal etwas Schweres transportieren muss, dann benutze ich Mobility und fahre CO2-neutral, das heisst, ich kompensiere mit den zusätzlich bezahlten 1.5 Rappen je Kilometer meinen CO2-Ausstoss.

Wenn ich die WWF-Berechnung für den durchschnittlichen CO2-Ausstoss eines Schweizers zugrunde lege, dann liege ich mit einem Drittel an produziertem CO2 schon erheblich unter dem Durchschnitt. Ausserdem benutze ich die Treppe statt den Lift, wo immer es geht. Und ich versuche, massvoll zu leben und saisongerecht zu essen.

Sie haben Ihr Berufsleben dem Klimaschutz gewidmet. Anfang Juni haben Sie in Bonn anlässlich der UNO-Klimakonferenz daran mitgewirkt, einen Weltklimavertrag für die Verhandlungen im Dezember in Paris zu erarbeiten. Grundlage war auch der Bericht «structured expert dialogue» (SED), den sie zusammen mit Zou Ji (stellvertretender Direktor des NCSC in China) für die UN bereitgestellt haben. Konnte der Weg nach Paris geebnet werden?

Tatsächlich haben Zou Ji und ich in den letzten zwei Jahren zusammen als Moderatoren und Vermittler den «structured expert dialogue» (SED) geführt, so dass in dem nun vorliegenden Bericht das gesammelte und weltweit verfügbare Wissen über die Klimaschutzthematik und die damit zusammenhängenden Fragestellungen aufbereitet und zusammengestellt werden konnte. Dieser Bericht bündelt das aktuelle Know-How zum Thema Klimaschutz, wurde sowohl von der G7-Versammlung als auch von der EU gelesen, die Inhalte sind anerkannt und der Bericht hatte Einfluss auf die Gespräche und Verhandlungen. Für Paris sind wir auf einem guten Weg. Ich bin froh, wenn wir dort in den Verhandlungen den kleinsten gemeinsamen Nenner finden. Es wird aber wohl eher ein zahnloses Abkommen geben, das dann aber alle Länder unterschreiben. Was ich aber als besser erachte als gar kein Abkommen.

Damit werden die Umweltverbände vermutlich nicht zufrieden sein?

Das stimmt. Meine Sorge ist auch, dass die Umweltverbände aufschreien, weil sie mehr erwartet haben. Es gibt Länder (wie zum Beispiel die USA), die sich auf ihr juristisches System berufen, welches ihnen verbietet, ihre staatliche Souveränität einer Weltengemeinschaft zu unterwerfen. Daher verfolgen wir in Paris die Strategie, dass wir versuchen wollen, bei jedem einzelnen Land abzufragen, was das Land bereit ist, für den Klimaschutz zu tun. Meine Hoffnung ist, dass alle Länder dabei sein werden. Ich bin jetzt seit 16 Jahren im Klimaschutz tätig und noch nie war die Tür so offen für eine gemeinschaftliche Einigung.

Das klingt vielversprechend! Zurück zur Schweiz. myblueplanet engagiert sich vor allem im direkten Umfeld für den Klimaschutz. Was konkret könnte myblueplanet noch zur «Road to Paris» beitragen?

Es ist wichtig, dass sich die Message verbreitet, dass jede und jeder einzelne bereit ist, die klimapolitische Wende mitzutragen. Es kann nicht sein, dass heute noch Häuser mit Ölheizungen in der Schweiz geplant und gebaut werden. myblueplanet kann in der Schweiz Möglichkeiten aufzeigen, wie man mit Mut und Zuversicht Lösungen gehen kann. Und dass der einzelne nicht verliert, sondern nur gewinnen kann, wenn er sich im Klimaschutz engagiert. Als Beispiel: Im heissen Sommer 2003 sind 70% des Aare- und Rhoneflusswassers durch Gletscher und Schnee bereitgestellt worden. Wenn sich das Klima um mehr als 2°C erwärmt, wird es schon recht bald keine Gletscher mehr geben und in direkter Folge auch keine vollen Flüsse mehr. Welche Konsequenzen wird das für unsere Landwirtschaft oder die unserer Nachbarländer haben? Klimaschutz heisst heute auch «Beschleunigen». «Business as usual» reicht nicht mehr aus, um unsere Ziele für den Schutz des Klimas zu erreichen. In Paris peilen wir übrigens schon die 1.5°C-Marke bei der maximal zulässigen Erwärmung der Erdatmosphäre an. Und ganz wichtig: CO2 braucht einen Preis.

Bei all dem Wissen, das Sie über Klimaschutz besitzen, Herr Fischlin, sind Sie da eher motiviert weiter zu kämpfen oder sind Sie auch manchmal frustriert?

Es gibt nur zu gewinnen! Es gilt für diese Zivilisation zu kämpfen! Ich liebe diese Zivilisation, es lohnt sich. Nicht verzagen.

Herzlichen Dank für das Gespräch, Herr Fischlin, und besten Dank auch für Ihr inspirierendes Motto zum Abschluss!

 

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