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Stefan Brägger: «Mehr verbrauchen als für ein gutes Leben nötig ist, macht keinen Sinn»

Kategorien: Portraits
Anne Nuria Boekhout, 17.07.2014

Stefan Brägger ist Leiter der Energieberatung bei Stadtwerk Winterthur. Er hat eine Ausbildung als Elektroingenieur und besuchte Weiterbildungen in Betriebswirtschaft, Marketing und Energieeffizienz. Seit 2010 ist er für Stadtwerk Winterthur in den Bereichen Förderprogramme und Energieberatung mit Fokus KMU und Grosskunden tätig. Er lebt mit seiner Frau und drei Kindern in Illnau. 

Wie kamen Sie dazu, sich beruflich mit den Themen Energie und Energieeffizienz zu beschäftigen? 

Seit langem ist der effiziente Umgang mit Energie ein wichtiges Thema für mich. Mehr verbrauchen als für ein gutes Leben nötig ist, macht einfach keinen Sinn. Neben meinem Engagement für die energetische Optimierung meines eigenen Hauses habe ich mich in meiner Freizeit aktiv mit der Sensibilisierung für diese Themen beschäftigt. Als ich 2010 die Chance bekam, eine meiner damaligen ausserberuflichen Tätigkeiten bei Stadtwerk Winterthur zum Hauptberuf zu machen, zögerte ich keine Sekunde. So konnte ich zuerst als Projektleiter zu Energieeffizienz-Themen und heute als Leiter Energieberatung die Weiterentwicklung dieser Bereiche aktiv vorantreiben.

Ist Energiesparen im Alltag eine Wissenschaft oder kann man auch ohne viel Aufwand und Kosten etwas tun? 

Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Viele Effizienzmassnahmen sind sehr einfach umzusetzen, zeigen sofort eine gute Einsparwirkung und kosten teils gar nichts. Meist ohne Einschränkungen und Nachteile. Einzig das Umstellen einer unnötigen Gewohnheit fällt uns schwer. Einfachste Beispiele dazu sind: Die Bürobeleuchtung ausschalten, wenn alle für zwei Stunden an einer Sitzung sind. Im Winter das Fenster schliessen, wenn tagsüber niemand frische Luft in der Wohnung braucht. Oder den Computer zum Schlafen schicken, wenn ich für die nächsten Stunden ausser Haus bin. Banale Massnahmen, bei denen man sich als Energieberater fast schämt, sie überhaupt zu erwähnen. Trotzdem werden gerade die trivialsten Dinge nicht beachtet. Die Gewohnheit siegt. Warum eigentlich…?

Am anderen Ende des Massnahmenkatalogs stehen riesige Einsparpotentiale, welche durchaus nicht einfach zu erschliessen sind. Im Winterthurer Gebäudebestand könnten zum Beispiel durch die Sanierung der älteren Häuser die Hälfte bis zwei Drittel des Energieverbrauchs für die Heizung eingespart werden. Dies sind mehr als 500 Millionen kWh jährlich, was der Energieeinsparung von 50 Millionen Liter Heizöl jährlich entspricht. Eine beeindruckende Zahl, wie ich meine. Es ist offensichtlich, dass diese Aufgabe nicht über Nacht gelöst werden kann. Das grosszügige Förderprogramm «Energie Winterthur» hilft, dieses Potential durch die Förderung von Beratungsleistungen sowie Erneuerungsmassnahmen zu erschliessen.  

Ich sehe Energieeffizienz nicht als Aufgabe, welche in einer Grossaktion gelöst werden kann, sondern als kontinuierlichen Prozess. Ein kurzer Gedanke zwischendurch, ob mein Tun oder nicht Tun auch aus energetischer Sicht sinnvoll ist, bewirkt oft mehr als hektische Einmalaktionen. Für mich wichtig ist die Erkenntnis, dass es viel sinnvoller ist, Energie einzusparen als aufwändig nach neuen Technologien zu suchen, um noch mehr Energie nutzbar zu machen. Jede Energiegewinnungsart hat ihre Nachteile. Eine gänzlich «saubere» Produktion gibt es nicht. Die saubere Lösung ist, weniger zu verbrauchen. Vielleicht erstaunt diese Aussage von einem Mitarbeiter eines Energieversorgungs­unternehmens. Stadtwerk Winterthur hat den Auftrag, Winterthur mit der benötigten Energie zu versorgen und unterstützt dabei die Bestrebungen zu Energieeffizienz und zur 2000-Watt-Gesellschaft klar. Hier besteht keinerlei Widerspruch.

Was können insbesondere Mieter und Mieterinnen tun? 

Auch Mieterinnen und Mieter können ihren Energieverbrauch massgeblich beeinflussen. Bei der Wahl einer Wohnung kann zum Beispiel auf die energetische Qualität des Gebäudes und auf tiefe Nebenkosten geachtet werden. Auch die Art der Nutzung hat einen grossen Einfluss auf den Verbrauch. Schräg gestellte Fenster zum Beispiel sind schlimme Energieschleudern. Man spricht von einem Verbrauch von einem Fass Öl pro Jahr für ein einziges schräg gestelltes Fenster während der Heizsaison. Duschen statt Baden spart zwei Drittel, Kurzduschen entsprechend noch mehr. Für jedes Grad höhere Wohnungstemperatur werden 6% mehr Energie verbraucht. Hier besteht durchaus ein relevantes Einsparpotential. Unglücklich ist, dass sich Anstrengungen von Mietern oft nur indirekt und abgeschwächt auf das eigene Portemonnaie auswirken. Für ein gutes Gewissen reicht es aber allemal. Zudem kann man durch die Wahl eines umweltschonenden Stromproduktes die Auswirkungen seines Stromverbrauchs minimieren. 

Wo verbergen sich die grössten Stromfresser im Alltag und wie kann man sie ersetzen oder sie besser einsetzen? 

Im Heimbereich ist sicher die Beleuchtung anzuschauen. Moderne LED Lampen verbinden alle Vorteile früherer Lampengenerationen. Viele Produkte am Markt sind in der Zwischenzeit qualitativ hochstehend und erschwinglich. Beim Kauf sollte man aber genau prüfen, welches das optimale Produkt ist. Lieber einmal eines zum Testen besorgen und erst danach die ganze Wohnung umrüsten. Alle Glühlampen und Halogenlampen, die oft oder länger eingeschaltet sind, sollten bald durch LED ersetzt werden. Bestehende Energiesparlampen können noch bis an deren Lebensende verbleiben. Für Lampen wie «Halogen-Stäbchen» oder «Halogen-Birnchen», bei denen bis auf weiteres kein vernünftiger LED-Ersatz verfügbar ist,  sollte ein Ersatz der ganzen Leuchte in Betracht gezogen werden. Achtung beim Ersatz von gedimmten Glüh- und Halogenlampen. Möglicherweise muss die letzte Glüh-oder Halogenlampe verbleiben, weil der alte Dimmer sonst nicht mitmacht. Kritisch sind zudem spezielle Anwendungen wie z.B. Aquarien, Terrarien, elektrische Direktheizungen oder Handtuchwärmer. Auch im Bereich Computer, Server, Netzwerkspeicher, Modems und anderer Heim-Elektronik besteht Potential. Einfache Regel hier: nichts ist eingeschaltet oder eingesteckt, was nicht wirklich gebraucht wird. Beim Neukauf von Haushaltgeräten ist es grundsätzlich sinnvoll, www.Topten.ch zu konsultieren und sich für Bestgeräte zu entscheiden.

Wie optimieren Sie privat ihren Energieverbrauch?

Wir leben mit unserer 5-köpfigen Familie in einem Reihenhaus mit Wärmepumpen-Heizung und einer Solaranlage für den Warmwasserbedarf. Alle relevanten Lampen sind bereits durch LED oder Energiesparlampen ersetzt. Beim Ersatz der Kühlgeräte haben wir die verfügbaren Bestgeräte eingesetzt. Andere Haustechnik-Komponenten warten noch auf die Erneuerung. Kleinere Reparaturen kann ich meist selbst erledigen. Strom, unser einziger Energiebezug kommt aus 100 % erneuerbarer Produktion und ein Anteil davon ist Solarstrom. Für den Arbeitsweg benutzen wir ÖV und Velo, so dass wir unser Fahrzeug wenig intensiv nutzen. Bei Flugreisen sind wir sehr zurückhaltend.

Berechnet nach den Regeln des 2000-Watt-Konzepts verbrauchen wir so fürs Wohnen mit Strom, Heizung und Warmwasser eingerechnet 500 Watt Primärenergie pro Person. In diesem Bereich haben wir uns sicher eine gute Ausgangslage geschaffen. Trotzdem ist unser Gesamtfussabdruck noch deutlich über der 2000-Watt-Vorgabe. Bis 2050 bleibt aber noch etwas Zeit zum Optimieren.  

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