Klimaprogramm

Winterthurer Musikfestwochen

Jeden August wird Winterthur dank den Musikfestwochen 12 Tage lang zur Musikhauptstadt – neun Tage davon sind kostenlos. Das ist schweizweit einmalig und eine grosse finanzielle Herausforderung. Trotzdem investiert das nichtgewinnorientierte Festival nicht nur in gute Bands, sondern übernimmt auch Verantwortung im Bereich Ökologie. Um den Bereich zu professionalisieren, hat myblueplanet für das Festival einen Dreijahresplan (2019 – 2021) zur CO2-Reduktion ausgearbeitet, im Rahmen dessen übernimmt myblueplanet eine Controlling-Funktion. Hier lest ihr, wo die Musikfestwochen (an-)stehen und bei welchen Themen noch Verbesserungspotential vorhanden ist.

Möchtest du mehr über das Klimaprogramm wissen? Am 14. August 2019 organisiert myblueplanet zusammen mit Swiss Re und den Winterthurer Musikfestwochen ein Klimamenü im Pfarrgarten. Dort wird dir das Klimaprogramm näher vorgestellt. Reserviere gleich einen Tisch für dich und deine Freunde!

Zur Eventbeschreibung

Zwischenfazit myblueplanet

Ab diesem Jahr werden die Musikfestwochen ausschliesslich mit Solarstrom versorgt. Damit wird einer der besten verfügbaren erneuerbaren Stromprodukte bezogen. Bravo!

Es wird eine Herausforderung bleiben, den nachhaltigen, sauberen Strom zu beziehen, da die Kosten in der Livemusik-Branche überdurchschnittlich ansteigen.

Stromverbrauch und -belastung

Der Stromverbrauch der Musikfestwochen summiert sich auf ein Total von 42’907 kWh.

Der Ökostrom ist mit 643 kg CO2 nur halb so belastend wie der Schweizer Produktionsmix. Gegenüber dem Schweizer Verbrauchermix erreichen wir sogar fast eine 7-fache Verbesserung der CO2-Bilanz. Der für die CO2-Bilanz am schlechtesten abschneidende europäische Strommix (viel Kohle, Öl und Gas) ist in der Schweiz momentan nicht komplett erhältlich. Bedingt durch unsere Importe und Exporte mit Europa, ist nur im Schweizer Verbrauchermix ein Anteil des europäischen Strommixes enthalten.

Umweltbelastung in kg CO2 (Global Warming Potential)

Schweizer CH Produktionsmix 42’907 kWh x 0.027 kg CO2 pro kWh = 1’158 kg CO2
Schweizer CH Ökostrom (Erneuerbare Energien) 42’907 kWh x 0.015 kg CO2 pro kWh = 643 kg CO2
Schweizer CH Verbrauchermix mix 42’907 kWh x 0.102 kg CO2 pro kWh = 4’376 kg CO2
Europäischer Strommix (ENTSO-E-Mix) 42’907 kWh x 0.524 kg CO2 pro kWh = 22’483 kg CO2
Angaben der Musikfestwochen

Die Musikfestwochen haben per 2019 auf Solarstrom aus der Region von Stadtwerk Winterthur umgestellt. Sie sind damit gemäss Berichterstattung von Radio Top das erste grössere Festival der Schweiz (über 50’000 Besucherinnen und Besucher), das mit Solarenergie betrieben wird. Der aktuelle Stromverbrauch pro Festivalausgabe beläuft sich zurzeit auf rund 43’000 kWh. Das Jahr davor scheiterte der Umstieg noch an der Finanzierung. Auch in Zukunft wird es eine Herausforderung bleiben, diesen zu sichern, da die Kosten In der Live-Musikbranche in den vergangenen Jahren geradezu explodiert sind – vor allem im Gagen- und Produktionsbereich.

Zwischenfazit myblueplanet

Die Auswahl an vegetarischen und saisonalen Küchen bei der Schlemmerei ist ein Schritt in die richtige Richtung. Die Sensibiliserungsmaßnahmen im Backstage- und Helferbereich begrüssen wir ebenfalls. Noch mehr saisonale, und vegetarische Menüs würden ebenfalls eine Verringerung der Kilmabelastung ergeben.

Zusätzlich begrüssen wir die Zusammenarbeit der Musikfestwochen mit lokalen Getränkeherstellern und deren Grossgebinden.

Angaben der Musikfestwochen

Angebot extern betriebener Stände
Das Essensangebot an den Musikfestwochen ist überschaubar. Zum festivaleigenen Angebot und den ansässigen Gastronomen gesellen sich Kleinküchen in der Schlemmerei auf dem Kirchplatz. Mit der Einführung der Schlemmerei 2017 konnte das vegetarische Angebot auf dem Festival stark erhöht werden. Bei der Vergabe der Stände ist ein vegetarisches Angebot Pflicht und nur Fleisch mit Schweizer Herkunft darf angeboten werden. Vegetarische, biologische und saisonale Konzepte von Restaurantbesitzer aus der Region werden bevorzugt behandelt. Die ansässigen Restaurants in der Steinberggasse können ihr Essensangebot frei gestalten, das Festival nimmt hier keinen Einfluss.

Angebot eigener Küchen
Im großen Foodzelt auf der Steinberggasse, das durch das Festival selber betrieben wird, kommt das Fleisch ausschliesslich aus der Region. Der Erlös aus dem Essensverkauf bleibt eine wichtige Geldquelle für das Festival, das sich zu einem Drittel über Gastronomieeinnahmen finanziert. Rund Dreiviertel der verkauften Mahlzeiten sind nach Angaben der Musikfestwochen nach wie vor fleischhaltig. Ähnlich sieht es in der Helferinnen- und Helferküche und im Backstagebereich aus. Da wird zwar immer eine vegetarische Variante angeboten, ausschliesslich vegetarische Gerichte sind aber aktuell eher die Ausnahme. Die Umstellung auf mehr vegetarische Gerichte ist eine Frage der Sensibilisierung und Akzeptanz – und bleibt eine Herausforderung. Entsprechende Diskussionen über die Sortimentsgestaltung verlaufen nach eigenen Angaben emotional. Mit der Helferküche und dem Backstage-Team wurden für die Festivalausgabe 2019 entsprechende Maßnahmen ausgearbeitet.

Getränkeangebot
Die Musikfestwochen versuchen, ihre Getränke so lokal wie möglich zu beziehen. Der Bierlieferant stammt aus Winterthur, fast alle Getränke werden in der Schweiz gebraut oder produziert, die Zulieferer kommen fast ausschliesslich aus der Region. Dosengetränke wurden aus dem Sortiment genommen. Eine vermehrte Berücksichtigung von kleinen, regionalen und biologischen Anbietern bleibt gemäss Festival logistisch (Gebindegrössen) und finanziell eine Herausforderungen.

Zwischenfazit myblueplanet

Durch die Umstellung auf ein Mehrwegsystem beim Essen sowie die Umsetzung von vielen kleineren Maßnahmen vor und hinter den Kulissen, konnte die Abfallstatistik stark verbessert werden. Beim Thema Food Waste haben die Musikfestwochen mit verschiedenen nachhaltigen Konzepten (wie mit der RestEssBar) eine solide Lösung gefunden. Ausserdem werden keine Aludosen mehr angeboten.

Abfall 2018
Brennbare Abfälle: KVA14’190 kg  Abfall pro kg ca. 0.5kg CO2 = 7000 kg CO2
Alu-Dosen: 56 kg Alublech pro kg 5.62 kg CO2 = 314 kg CO2
Mischglas: 1’480 kg Glas pro kg 1.17 kg CO2 = 1’732 kg CO2
Karton: 226 kg Karton pro kg 1.69 kg CO2 = 382 kg CO2
Zeitungen/Zeitschriften: 778 kg pro kg 2.1 kg CO2 = 1’712 kg CO2
Bioabfälle mit Glas und Erde: 208 kg Schätzung pro kg 1 kg CO2 = 208 kg CO2
Holz III: 228 kg Meist Holzwerstoffe pro kg ca. 0.6 kg CO2 = 136 kg CO2
Swico-Material: 17 kg Mischung Metall/Kunststof pro kg 15.02 kg CO2 = 256 kg CO2

Für die CO2-Ermittlung wurden Durchschnittwerte zur Neuproduktion  der Stoffe eingesetzt, gemäss den Ökobilanz-Standarddaten des Bundes, KBOB/eco-bau/IPB, Stand 2016.

In der Statistik der Abfallbelastung fallen die geringen Werte von Aludosen auf. PET-Flachen fehlen in der Statistik, da solche nicht verkauft wurden und nur wenige mitgebrachte Flaschen angefallen sind. Der Einsatz von Mehrwegbechern und der Ausschank aus grossen Retour-Flaschen haben zu einem positiven Resultat geführt. Bei ca. 14’000 Kg eigentlichem Abfall ist der Anteil pro Person bei 55’000 Besuchern sehr klein. Pro Kopf kommen lediglich nur 0.284 Kg Abfall in 12 Tagen zustande. Eine nochmalige Halbierung der Abfallmenge ist ein ehrgeiziges Ziel.

Angaben der Musikfestwochen

Abfall ist an allen Festivals ein grosses Thema. Da die Musikfestwochen keinen Campingplatz haben, haben sie es hier grundsätzlich einfacher „gut“ abzuschneiden. Zudem haben sich die Festivalbesucher schon früh daran gewöhnt, dass nicht immer alles weggeworfen werden muss.

Mehrweggeschirr
Seit vielen Jahren wird der Abfall unter anderem an den Eingängen des Festivalgeländes getrennt. Es ist das erste Festival, das Mehrwegbecher einführt. 2018 stellten sie komplett auf Mehrweggeschirr um – auch beim Essen, was von den Besuchern sehr wohlwollend aufgenommen wurde. Die Kehrseite: Die Logistik und Koordination mit den Standbetreibenden ist heute viel aufwändiger geworden, der Lagerplatzbedarf sowie die Ausgaben für das Geschirr sind massiv gestiegen. Nicht nur vordergründig, sondern auch hinter den Kulissen wird der Abfall Schritt für Schritt minimiert. Einige Beispiele: In der Helferküche gibt es richtiges Geschirr, beim Auf- und Abbau in der Kaffeepause wird aus Tassen statt Kartonbecher getrunken, im Backstage Bereich werden Wasserspender aufgestellt und die Flyer Anzahl wurde reduziert.

Giveaways, Blachen und Deko
Vermieden wird Abfall auch im Bereich Sponsoring. Dort verzichten die Musikfestwochen seit mehreren Jahren fast vollständig auf das Verteilen von Giveaways, da es sich dabei meist um Einweg-Artikel handelt – und nehmen damit finanzielle Einbussen in Kauf. Da sich die Musikfestwochen über ein liebevoll gestaltetes Gelände von anderen Festivals abheben möchte, produzieren sie jedes Jahr neue Geländeblachen passend zum jeweiligen Artwork. Zwar gibt es nach dem Festival einen Abholtag, bei dem die Blachen und andere Deko-Elemente abgeholt werden können – was nicht abgeholt wird, landet aktuell noch in der Abfallmulde. Die Anzahl an Blachen, die an das Artwork angepasst werden, hat das Festival nun etwas reduziert. Bei der Erstellung der Deko wird vermehrt versucht, auf nachhaltige und wiederverwertbare Materialien zu setzen.

Food Waste
Da über 12 Tage hinweg Lebensmittel bestellt und verwertet werden können, fällt wenig Food Waste an. Einige Standbetreiber spenden das überschüssige Essen zudem allabendlich den Helfern. Der Überschuss des grossen Foodzelts wird beim Festivalabbau in der Helferküche verarbeitet und zur RestEssBar gebracht. Das alte Brot wird an Schafe verfüttert.

Zwischenfazit myblueplanet

Die Klimamaßnahmen und Zwischenresultate können sich sehen lassen! Die Aus- und Weiterbildung aller Führungspersonen und HelferInnen zum Thema zeigt uns, dass die Musikfestwochen ernsthaft hinter der Sache stehen. Ab diesem Jahr liegt der Fokus insbesondere auf der Gästesensibilisierung, welche bis anhin nicht konkret angesprochen wurden. Wir schauen gespannt auf die nächste Umsetzungsrunde!

Angaben der Musikfestwochen

Bis jetzt haben die Musikfestwochen auf eine zu offensive Kommunikation bezüglich Nachhaltigkeit verzichtet, weil sie dies nicht als Marketinginstrument missbrauchen und nicht auf den Greenwashing-Zug aufspringen wollten. Im Zusammenhang mit der Professionalisierung und dem externen Controlling durch den Dreijahresplan soll nun breiter sensibilisiert werden. So werden ökologische Themen einerseits kommunikativ (Webseite, Social Media, Programmzeitung, auf dem Gelände) aufgegriffen, um die Besucher für das Thema zu gewinnen. Anderseits wird vor allem in den eigenen Reihen Fachwissen angeeignet und sensibilisiert. Während der Vorstand und das Festivalbüro sich im Rahmen einer Leitbild-Retraite (2018) explizit mit dem Thema beschäftigten, wurden mit dem ehrenamtlichen Organisationskomitee bereits zwei kleine Workshops durchgeführt (2018/2019), mit dem Ziel, über das Organisationskomitee auch die über 850 Helferinnen und Helfer zu sensibilisieren. Ideen daraus werden gemäss Festivalleitung laufend umgesetzt.

Zwischenfazit myblueplanet

Die Umstellung auf LED-Licht soll systematisch auf möglichst allen Licht- und Bühnenbeleuchtungen umgesetzt werden. Bei den technischen Apparaten sind neue Geräte mit geringerem Energieverbrauch vorzuziehen. Wir empfehlen bei Neuanschaffungen unbedingt immer die nachhaltigste Variante zu nehmen.  Bei den Audio- und Lautsprecheranlagen sind Grenzen in der Leistungsverminderung gesetzt, da eine genügende Lautstärke für den „Musikgenuss“ notwendig ist.

Angaben der Musikfestwochen

Zwar wurde der Großteil der Beleuchtung bereits auf LED umgestellt, es fehlen hier aber die genauen Zahlen, um ein sauberes Controlling vorzunehmen. Entsprechende Zahlen werden darum im Jahr zwei von myblueplanet eingefordert. Gemäss den Musikfestwochen-Infrastruktur-Verantwortlichen wird es für die Musikfestwochen beim Punkt Technik allgemein schwierig werden, gut abzuschneiden und die vorgegebenen Ziele zu erreichen. Die Einschätzung aktuell: Die Musikfestwochen werden sich das schlicht nicht leisten können.

Zwischenfazit myblueplanet

Meistens ist die Anreise der Besucher für eine grosse Umweltbelastung verantwortlich. Mit der Durchführung der Musikfestwochen in der Stadt Winterthur mit besten ÖV-Anbindungen ist die Mobilitätsbilanz bereits sehr gut. Zu verbessern ist die Bilanz der Anreise von ausländischen Künstler. Ein erster Schritt ist die CO2-Kompensation z.B. über die Organisation myclimate. Des weiteren sollten die Musiker aus den europäischen Ländern zu klimafreundlicheren Verkehrsmittel ermuntert werden.

Angaben der Musikfestwochen

Anreise Besucher

Gemäß Musikfestwochen-Besucherumfrage 2018 (400 Teilnehmende) kommen 96% zu Fuss, mit den ÖV oder mit dem Velo. Veloparkplätze sind rund um das Festivalgelände mit Gittern abgesteckt, auch die öffentlichen Veloparkplätze der Stadt werden rege genutzt. Den Besuchern wird über verschiedene Kommunikationskanäle empfohlen, die ÖV zu nutzen.

Lieferanten

Die Musikfestwochen versuchen, die Transportwege kurz zu halten. Darum wird so viel wie möglich, wie zum Beispiel Plakate/Flyer, Baumaterialien und Lebensmittel, in Winterthur und Umgebung eingekauft. Die Grenzen liegen bei der Festivalinfrastruktur und beim Merchandise. So wird die Technik aus der halben Schweiz nach Winterthur gefahren, die Geländeblachen werden in Deutschland produziert und die Merchandisingartikel importiert – aus Kosten- und Angebotsgründen, wie das Festival bestätigt.

Transporte rund ums Festival

Vor, während und nach dem Festival sind die Veranstalter auf Autos und Lieferwagen angewiesen. Dank einer neuen Zusammenarbeit konnte immerhin ein Lieferwagen durch einen Elektro-Sprinter und mehrere Fahrzeuge durch Hybrid-Autos ersetzt werden. Damit ab und an aufs Auto verzichtet werden kann, werden seit 2017 kleinere Transporte mit Cargo-Velos getätigt.

Künstler

Um die Schweizer Musikszene zu fördern, vergibt das Festival seit mehreren Jahren mindestens 50% der Auftrittsmöglichkeiten an einheimische Bands, was automatisch einen positiven Effekt auf die CO2-Bilanz hat. Zudem achten die Musikfestwochen gemäß Programmleitung darauf, bei den internationalen Acts vor allem Bands zu buchen, die auf Tour sind. 2018 wurden 9 von etwas über 70 Acts (insgesamt 90 Personen) mit dem Flugzeug eingeflogen. Kompensiert wurden die Flüge bis anhin nicht, das Thema ist aber auf dem Radar.