Mehr Seen statt Meer sehen

Neulich hörte ich eine Frau sagen: «Ferien in der Schweiz sind ja schon recht, aber das Meer fehlt halt.»
Zuhause fragte ich mich: Wenn ich nun im Sommer nicht nach Italien, Spanien oder Frankreich fahre. Oder nicht nach Thailand oder nach Ägypten fliege – fehlt mir das Meer wirklich? Was bedeutet denn das eigentlich? Meer…

Ich schliesse die Augen und beschwöre die Bilder meiner Jugend herauf: die heisse Sonne auf der Haut; das Rauschen der Wellen; den warmen Sand zwischen den Zehen; die laue Brise im Haar.

Nun öffne ich die Augen und sehe plötzlich die Konsequenzen des heutigen touristischen Drangs zum Meer: die kilometerlangen Staus am Gotthard und an den Zahlstationen der Autobahnen, das zermürbende, stundenlange Warten an den Gates im Flughafen, die riesigen Kreuzfahrtschiffe, welche die Luft mit Schweröl verpesten und tausende Menschen auf einmal in viel zu enge Orte spülen, lange Reihen von Hotelburgen oder riesigen Resorts, drittklassige Buffets, überfüllte Strände, Kampf um Liegen und Sonnenschirme, Abfallberge oder grölende, betrunkene Touristen.

Ist Meer also tatsächlich der Inbegriff von Ferien? Oder heute bloss noch eine blasse Erinnerung an früher? Eine vergangene Illusion?

Die Bilder in Ferienkatalogen versprechen so viel: Freiheit, Entspannung, Dolce Vita, Exotik.
Doch Reisestress, Menschenmassen und Klimawandel kommen darin leider nicht vor. Genauso wenig wie Parkplatzmangel, Abholzung von Wäldern oder Wasserknappheit.

Träume vertragen sich nun mal schlecht mit der Realität.

Doch was können wir tun? Sollen wir denn überhaupt keine Ferien mehr machen? Oder nur noch auf Balkonien? Und was hat das alles mit dem Klimawandel zu tun?

In der Schweiz gibt es den lustigen Ausspruch: UHU-Ferien («Ums Huus Ume»).
Das Corona-Virus und das BAG haben uns alle im Frühling 2020 buchstäblich dazu verdammt, unsere Zeit im «UHU»-Modus zu verbringen.


Erstaunlicherweise habe ich in dieser Zeit auf langen Spaziergängen viel Unbekanntes, Spannendes und Interessantes in unserer näheren Umgebung entdeckt. Und als man dann, nach den Lockerungen, endlich wieder woanders hinfahren konnte, gab mir ein Ausflug nach Luzern plötzlich ein Gefühl wie eine Entdeckungsreise: leere Züge, leere Städte, neue Ansichten und Einsichten.

Mittlerweile hat sich einiges im Leben wieder etwas normalisiert – doch eines ist mir geblieben: Die Erkenntnis, dass Exotik nicht lange Fernreisen bedeutet. Und Erlebnis nicht mit Ausland oder gar mit Meer verbunden ist. Neue Welten erschliessen sich nicht durch Flugreisen, sondern dadurch, dass man die Dinge mit anderen Augen betrachtet. Und Spannendes begegnet uns überall dort, wo wir die gewohnte Umgebung und ausgetretenen Pfade verlassen.

Vor einiger Zeit fiel mir ein Prospekt in die Hände mit dem Titel «Die Schweiz entdecken». Erstaunt stellte ich fest, wie viele tolle und spannende Dinge es touristisch in der Schweiz zu entdecken gibt. Da, schau mal. Da war ich noch nie! Ich habe gar nicht gewusst, dass es sowas hier gibt! Wann war ich eigentlich das letzte Mal dort?

Und plötzlich war wieder das Gefühl von Entdeckungsreise da. Und die Lust, all diese Dinge mal selbst zu sehen und zu erleben.

Es gibt deutlich mehr Attraktionen in der Schweiz, als mir bewusst war: mehr Berge, mehr Schluchten, mehr Ebenen, mehr Flüsse und mehr Seen; und mehr kleine und grosse Hotels, mehr Jugendherbergen und Berghütten.

Man kann flanieren, spazieren, wandern, Velo oder Trottinett fahren, rodeln, schwimmen, segeln, kiten, tauchen und noch unendlich viel anderes mehr – oder ganz einfach in der Sonne liegen und Sein.

Und das Beste daran ist – so gut wie alles ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen ohne jeglichen Flugstress oder lange Staus und ohne die Umwelt zu belasten: mit Zug, Bus, Postauto, Bergbahnen (und die verkehren erst noch regelmässig. Und pünktlich. Wir sind schliesslich in der Schweiz. Kleiner Scherz!)


Nun aber genug des Nationalstolzes. Was ich hier sagen will, ist einfach:
Probier’s aus! Du wirst sehen, es ist ein gutes Gefühl. Natürlich auch wegen des echt enorm vielen CO2, welches du einsparst, wenn du nicht fliegst und nicht tagelang Auto fährst. Wenn du kein Kreuzfahrtschiff benutzt, dafür lokale Produkte isst und klares Brunnenwasser trinkst und noch dazu die heimische Wirtschaft unterstützt.

Aber auch sonst: weil es Spass macht. Und weil du dadurch mithilfst, unseren Kindern einen lebenswerten, funktionierenden Planeten zu hinterlassen.
Sozusagen typisch schweizerisch – den Fünfer und das Weggli.
Gerade auch der Herbst in der Schweiz kann wunderschön sein. Wirf doch mal einen Blick in die regionalen Tourismusseiten der Schweiz.

Die Schweiz mit anderen Augen.
Mehr sehen statt Meer sehen.

Fotos: Heinz Fehlmann